Angst vor Jobabbau bei Generali

Angst vor Jobabbau bei Generali
Wird Lebensversicherungsgeschäft verkauft? Frühere Volksfürsorge-Beschäftigte in Hamburg wären betroffen

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Volker Mester, Hamburger Abendblatt, 27.09.2017
Der Name Volksfürsorge ist schon seit Ende 2014 nur noch Geschichte: Kurz nach dem 100. Jahrestag der Gründung dieser traditionsreichen Hamburger Versicherung wurde auch die noch verbliebene Vertriebsgesellschaft in den Generali-Konzern eingegliedert. Mit rund 1800 Beschäftigten, von denen viele einst bei der Volksfürsorge arbeiteten, gehört die italienische Finanzgruppe noch immer zu den wichtigsten Arbeitgebern der Branche in Hamburg.

Doch in diesen Tagen ist die Verunsicherung unter der Generali-Belegschaft groß. Denn gut 3000 Versicherungsvermittler, die ausschließlich für die Generali tätig sind, aus dem gesamten Bundesgebiet haben von dem Unternehmen für den Donnerstagmittag eine Einladung in das Münchner Kongresszentrum ICM erhalten. Zwar will sich die Generali Deutschland AG mit Hauptsitz in München nicht zu dem Anlass für die Versammlung äußern. In der Branche heißt es aber, es gehe um einen Wechsel aller Vertreter zum Finanzvertrieb DVAG, an dem der Generali-Konzern mit 40 Prozent beteiligt ist.

Das allein wäre schon Grund genug für Unruhe auch an den Verwaltungsstandorten wie Hamburg. Beobachter werten die Einladung jedoch als Anzeichen dafür, dass eine noch viel weiter gehende Veränderung bevorsteht: Schon seit Monaten wird spekuliert, Generali wolle sich vom gesamten deutschen Lebensversicherungsgeschäft unter dieser Marke trennen - und das dürfte einen Teil der Arbeitsplätze in Gefahr bringen.

„Gerade die Lebensversicherung ist traditionell ein Schwerpunkt der Aktivitäten von Generali in Hamburg“, sagt Ira Gloe-Semler, Leiterin des Fachbereichs Finanzdienstleistungen bei Ver.di in Hamburg. Sie wäre nicht überrascht, wenn die Spekulationen zutreffen würden: „Derzeit strukturiert sich die gesamte Branche um.“ So haben zuletzt die Versicherer Basler und Arag zusammen 450.000 Lebensversicherungsverträge an die Frankfurter Leben verkauft. Diese Firma, hinter der die BHF-Bank und ein chinesischer Investor stehen, hat sich auf die Abwicklung von Policen spezialisiert; für die Kunden soll sich dabei nichts ändern.

„Das ist eine Möglichkeit für Versicherungskonzerne, mit dem Niedrigzinsumfeld umzugehen“, sagt Gloe-Semler. Denn alte Verträge mit hohen garantierten Verzinsungen - zwischen 1995 und Mitte 2000 etwa gab es 4,0 Prozent - sind in Zeiten, in denen sich solche Renditen am Kapitalmarkt nicht mehr mit den behördlich vorgeschriebenen risikoarmen Anlagen erwirtschaften lassen, eine enorme Belastung
für die Assekuranz. Spezialisten wie die Frankfurter Leben haben bessere Voraussetzungen, mit solchen Versicherungsbeständen profitabel zu arbeiten. Sie verfügen über einen hochmodernen Computerpark, vor allem aber benötigen sie nur wenig Personal, weil sie ja keine neuen Verträge verkaufen müssen. Aus dem gleichen Grund besteht für sie keine Notwendigkeit, den Kunden aus Marketingerwägungen eine über den jeweiligen Garantiezins hinausgehende Rendite zu gewähren.

Nach Angaben der Finanzfachzeitschrift procontra hat Generali bestätigt, dass der Verkauf bestimmter deutscher Versicherungsbestände geprüft wird, allerdings sei dies nur „eine von verschiedenen strategischen Optionen“.

Laut procontra hatte Generali per Ende 2016 immerhin noch mehr als 1,3 Millionen klassische Kapitallebensversicherungen im Bestand. Den Vertrieb dieser Policen hat der Konzern bereits im Jahr 2015 eingestellt, weiterhin im
Programm finden sich fondsgebundene Produkte mit geringen Garantien sowie reine Risikolebensversicherungen. Allerdings sind damit dem Unternehmen zufolge vor allem die Tochtergesellschaften AachenMünchener und CosmosDirekt erfolgreich.

Zwar hat Generali in Deutschland den operativen Gewinn im Geschäftsjahr 2016 um sieben Prozent auf ein Rekordniveau von fast 850 Millionen Euro verbessert. Jedoch beruhte dies ganz wesentlich auf einem im Jahr 2015 eingeleiteten Kostensenkungsprogramm. Außerdem musste die Muttergesellschaft in Triest zuletzt Sonderbelastungen aus der Insolvenz der Fluggesellschaft Alitalia und der Schieflage des Kreditinstituts Banca Monte dei Paschi di Siena verkraften. Vor wenigen Tagen sind Tochterfirmen in den Niederlanden verkauft worden.

Mit gut 16 Milliarden Euro Beitragseinnahmen und mehr als 13,5 Millionen Verträgen ist die Generali-Gruppe, zu der auch die Central Krankenversicherung und die Advocard Rechtsschutzversicherung gehören, in Deutschland der drittgrößte Anbieter der Branche hinter der Allianz und den Versicherern der Sparkassen.

In der Leben-Sparte der Generali ist das Beitragsvolumen im vorigen Jahr aber als Folge der Neuausrichtung um elf Prozent auf knapp 12,6 Milliarden Euro zurückgegangen. Der Marktanteil des gesamten Geschäfts nahm um mehr als einen halben Prozentpunkt auf 8,1 Prozent ab - und das hat in einem ohnehin praktisch stagnierenden Markt zur Folge, dass der Druck auf die Kosten noch weiter wächst.