Gesamtversorgung – ein wunderbarer und kein wunderlicher Baukasten

  • 1. Reform der Alters-, Invaliditäts- und Hinterbliebenenversorgung
    Wie aus den einzelnen Jubiläumsbänden zu ersehen ist, hat das gewerkschaftlich-genossenschaftliche Unternehmen Volksfürsorge seinen Gründungsauftrag umfassend erfüllt, den Wettbewerb im Versicherungsmarkt u.a. durch günstige Versicherungsbedingungen und Versicherungstarife zu fördern.

    Die gewerkschaftliche Ausrichtung war allgegenwärtig, nicht zuletzt war bei Dienstbeginn ein Gewerkschaftsbeitritt erforderlich. Die ursprünglich auch genossenschaftliche Ausrichtung zeigte sich noch durch die bekannte Büste von Adolph von Elm und die zum 50jährigen Bestehen gestiftete Adolph-von-Elm-Hilfe zur Förderung der beruflichen Fortbildung.

    Genossenschaftliche Einrichtungen hatten sich schon früh um die Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen gekümmert. Die Volksfürsorge hat daher zugleich auch für ihre Beschäftigten eine vorbildliche Alters-, Invaliditäts- und Hinterbliebenenversorgung geregelt und dies bereits vor Einführung des Betriebsrentengesetzes.

    Die Reform des betrieblichen Versorgungswerks BVW aus dem Jahre 1961 war nach eigenem Bekunden die bedeutendste und schwierigste Leistung im Personal- bzw. Sozialwesen gewesen [Jubiläum 1962], [Jubiläum 1972], [Jubiläum1987].

    Sie begann mit der Protokollnotiz zum Tarifvertrag vom 02.06.1978 über die vorgezogene Pensionierung von Arbeitnehmern der VDL, nach der eine grundlegende Reform innerhalb der nächsten 5 Jahre durchgeführt werden soll [TV1978].

    Die Protokollnotiz hatte ihre Gültigkeit im Tarifvertrag vom 01.06.1981 insofern behalten, als dass eine Begrenzung der Gesamtversorgungsbezüge auf höchstens 100% des monatlichen Nettoarbeitsentgelts vorgesehen war.

    Diese Nettolohnbegrenzung ist jedoch nicht umgesetzt worden, weil das gesetzte Ziel des Abbaus einer Überversorgung erheblich überschritten worden war, wie eingehend in der VDL-Mitteilung „Der Betriebsrat informiert …,“ Nr. 45/81 vom 28.08.81, dargestellt wurde [VDL1981]. Der Sachverhalt ist dann im Tarifvertrag vom 17.05.1982 zur Begrenzung der Überversorgung nach den Grundsätzen des Vertrauensschutzes und der Verhältnismäßigkeit geregelt worden [VDL1982b].

    Durch die Anwendung der Grundsätze wurde deutlich gemacht, dass an der Sicherung des Lebensstandards übergreifend als zentraler Grundsatz festzuhalten ist. Verstärkend dazu lässt sich auf die damalige Einbeziehung des Urlaubsgeldes in das pensionsfähige Entgelt hinweisen [Rundschreiben1978].

    Bei den Überlegungen zum Abbau der Überversorgung war für die Ausgestaltung der neuen Versorgungsordnung vor allem die Abkoppelung der Sozialversicherungsrente von der Gesamtversorgung ein weiteres wichtiges Thema. Der Hintergrund dafür ergab sich durch die zunehmenden Einschnitte in der gesetzlichen Rentenversicherung und die daraufhin angedachte Harmonisierung der unterschiedlichen Versorgungssysteme von VDS und VDL.

    Die VDS-Mitteilung „Betriebsrat aktuell“ Juni ’81 zeigt auf, dass erste Gespräche hierzu vom Vorstand mit den Betriebsräten auf der Grundlage von Gutachten anerkannter Experten auf diesem Gebiet geführt wurden [VDL1981a].
  • 2. Übergreifende dauerhafte Sicherung des Lebensstandards
    Die Zielsetzung der Aufrechterhaltung des Lebensstandards für die Betriebsrentner ist bei der Reform des „Betrieblichen Versorgungswerks“ letztendlich in eleganter Weise auf der Grundlage einer Gesamtversorgung von ca. 90-100% des monatlichen Nettoeinkommens eines aktiven Beschäftigten beibehalten worden. Ergänzend verkürzte man jedoch die maximal anrechenbare pensionsfähige Dienstzeit von 35 Jahre auf 30 Dienstjahre [VDL1992a].

    Es liegt also eine monatliche Gesamtversorgung bis zu 70% der pensionsfähigen Bezüge mit einem Zuwachs von 1% pro pensionsfähigen Dienstjahr bei einem fiktiven Sockel von 40% für die Sozialversicherung vor. Hierauf werden die monatliche Sozialversicherungsrente - ohne die Abschläge durch einen vorzeitigen Rentenbezug - und die zu 80% vom Arbeitgeber und zu 20% vom Arbeitnehmer finanzierte monatliche Versorgungskassenrente angerechnet. Die pensionsfähigen Bezüge schließen dabei die tatsächlichen pensionsfähigen Festbezüge der letzten 12 Monate ein, sie sind also nicht nur auf der Basis eines Monatsgehalts festgelegt.

    Die Beibehaltung des erreichten Versorgungsgrades und insbesondere die Veränderungen bei den künftigen Zuwächsen hätten vermutlich gravierendere Auswirkungen gebracht.

    Es erfolgte die Schließung des „Betrieblichen Versorgungswerks“ für den Neuzugang.

    Bei der neuen Versorgungsordnung VO85 gilt der gleiche einheitliche Zuwachs von 1% pro pensionsfähigem Dienstjahr ohne jeglichen Ansatz einer gesplitteten Rentenformel und ohne einen Grundsockel von 40%. Es erfolgte also eine Abkoppelung der Sozialversicherungsrente bei der betrieblichen Versorgung. Dadurch trat eine gewisse Entlastung für den Arbeitgeber bei Arbeitnehmern mit höheren Gehältern ein.

    Im Übrigen sollten schon aus Gleichbehandlungsgesichtspunkten die bisherigen Regularien weiterhin gelten [VDL1985].

    Für den Arbeitgeber ergab sich aus der gleichzeitigen Eigenschaft als Produktanbieter zudem eine leichtere Einbindung von Versicherungsprodukten.

    Eine ganz wichtige Triebfeder für die Entwicklung bzw. Änderung der „Betrieblichen Altersversorgung“ war zweifellos die damals sehr hohe Steuerbelastung von ca. 70% bezogen auf den Gewinn für die Unternehmen, die durch eine entsprechende Steuerersparnis für Pensionsrückstellungen bei etwas zusätzlichem Aufwand ungemein förderlich war. Dies lässt sich noch unmittelbar an den Versorgungsbestimmungen erkennen, die im Prinzip eine Festschreibung bei unveränderter Wirtschaftslage regeln, aber ausdrücklich eine Änderungsmöglichkeit nur bei steuerlichen Veränderungen zu Pensionsrückstellungen beinhalten.

    Die Zielsetzung der Lebensstandardsicherung besteht aber nicht nur für die Altersversorgung, sondern auch über die Zurechnungszeit insbesondere für die Invaliditäts- und die Hinterbliebenenversorgung. Für junge Familienväter dürfte damals die Invaliditätsabsicherung besonders wichtig gewesen sein, da Invalidität zu über 90% durch Krankheit bewirkt wird und nicht gesondert eine Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung abgeschlossen werden musste. Die Rentenversicherung bot hierzu trotz Zurechnungszeiten keine Äquivalenz.

    Für die Altersversorgung ist besonders bemerkenswert, dass die Gesamtversorgung ohne jegliche versicherungsmathematischen Abschläge bei einem vorzeitigen Altersrentenbezug gewährt wird, zumal Regelungen zur flexiblen Altersgrenzen aus dem Versicherungsgeschäft bestens bekannt sind.

    Die Gesamtversorgung ist ein Anspruch aufgrund einer Leistungszusage mit vertraglicher Anpassung, die anzurechnenden Versorgungen folgen dabei völlig anderen Kriterien hinsichtlich ihrer Bemessung und Finanzierung. Bei einer vorzeitigen Leistungsinanspruchnahme ist z.B. bei der Sozialversicherung ein Abschlag von 0,3% pro Monat bzw. 18% in 5 Jahren bekannt, bei der Versorgungskasse ist über die Standmitteilungen unmittelbar ein Abschlag von ca. 30% bei einem Rentenbeginn mit dem 60. statt mit dem 65. Lebensjahr ersichtlich. Frauen wären früher direkt benachteiligt gewesen, wenn die Gesamtversorgung dies nicht beachtet hätte.

    Wie ja für dynamische Lebensversicherungen bekannt ist, fällt eine Leistungsdynamik wegen der Gehaltsabhängigkeit viel stärker aus als eine Beitragsdynamik. Im Hinblick auf die Finanzierung mussten und sind selbstverständlich auch immer umfangreiche Berechnungen und Gutachten erstellt worden, um vor allem die Versorgungsleistungen zu Rentenbeginn zutreffend einschätzen zu können.

    Die Gesamtversorgung ist insofern allerdings eine fiktive Größe, als keine Lücken in der Sozialversicherung ausgeglichen werden, die in der Person des Betriebsangehörigen oder seiner Hinterbliebenen liegt. Im Regelfall bleiben insbesondere die Abschläge in der gesetzlichen Rentenversicherung unberücksichtigt, so dass bei der Gesamtversorgung von unverminderten Sozialversicherungsrenten ausgegangen wird.

    Der dauerhaften Sicherung des Lebensstandards ist letztendlich auch durch die einheitliche Anpassungsregelung der Gesamtversorgung gemäß der Sozialversicherung und damit der einzelnen Versorgungsteile Rechnung getragen worden.

  • 3. Umfang der Versorgungslücke zu Rentenbeginn
    Die Sozialversicherungsrente sinkt in Prozent des Brutto-Entgelts mit zunehmender Gehaltshöhe über der Beitragsbemessungsgrenze sehr stark ab, so dass sich die Versorgungslücke in diesen Fällen gegenüber dem letzten Netto-Entgelt zunehmend ausweitet. Letztendlich hat dies zur allgemeinen Verwendung gesplitteter Rentenformeln in der betrieblichen Altersversorgung geführt.

    Einen überschlägigen Eindruck von dieser Versorgungslücke gibt die nachfolgende Graphik:




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    Bei einem Bruttoentgelt in Höhe von 100% der Beitragsbemessungsgrenze für die gesetzliche Rentenversicherung liegt also eine Netto-Sozialversicherungsrente nach Abzug der Krankenversicherung von ca. 40% des Brutto-Entgelts und eine Versorgungslücke von ca. 25% des Brutto-Entgelts vor.

    Die Graphik macht deutlich, dass bei einem Steigen des Gehaltes über der Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung wohl im Durchschnitt von einer Versorgungslücke von gut ca. 25% auszugehen ist, die grob in 10% Versorgungskassenrente und 15% Pensionsergänzung aufteilbar ist. Die tatsächlich gezahlten Versorgungsleistungen verschieben sich durch die Handhabung der flexiblen Altersgrenze, so dass im Mittel eine Pensionsergänzung in etwa doppelter Höhe der Versorgungskassenrente vorliegen dürfte.

    Die Schließung der Versorgungslücke zielt auf die Sicherstellung des Lebensstandards zu Rentenbeginn ab. Eine Überversorgung liegt nicht vor, da zum einen eine Beitragsbeteiligung bei der Versorgungskasse vorliegt, die damals als ausreichende Eigenvorsorge angesehen worden war, und zum andern die Rentenabschläge in der Sozialversicherung nicht ausgeglichen werden.

    Hinsichtlich der Anpassung der einzelnen Versorgungsleistungen ist es höchst unterschiedlich. Bereits mit dem „Betrieblichen Versorgungswerk 1961“ war hinsichtlich der Anpassung der Gesamtversorgungsbezüge eine Einheit zu der kurz vorher eingeführten Rentendynamik in der gesetzlichen Rentenversicherung im Jahr 1957 geschaffen worden [BR-Nachrichten1962].

    Durch die geschaffene Einheit mit den außerbetrieblichen Versorgungsbezügen der Sozialversicherungsrente hat die Gesamtversorgung später über die gesetzliche Anpassungsprüfung eine weitere Anpassungsgarantie bekommen.

    Mit der sog. Pensionsergänzung wird also auch eine ggf. fehlende Dynamisierung der Versorgungskassenrente aufgefangen. Andererseits führt aber im Vergleich zur Rentenanpassung der Sozialversicherungsrente eine höhere Überschussbeteiligung bei der Versorgungskasse - vor allem in den 1990er Jahren - zu einer Entlastung bei der Pensionsergänzung. Die tatsächliche Anpassung der Gesamtversorgung als Maximum der Anpassungsgarantien zielt klar auf die weitere Sicherstellung des Lebensstandards im Rentenbezug ab.
  • 4. Gesamtversorgung im Rentenbezug – Bezugsgrundlage und Höhe der Anpassung
    Unsere vertragliche Anpassung hat also über die Rentensteigerung der Sozialversicherung schon immer auch eine weitgehende Anbindung an die Gehaltsentwicklung und nicht nur einen bloßen Inflationsausgleich bewirkt. Dies ist in der Reform so geblieben, nicht zuletzt wären für eine unmittelbare Anbindung an die Gehaltsentwicklung schwierige zusätzliche Regelungen zu treffen gewesen.

    Die vielen Nullrunden in der gesetzlichen Rentenversicherung und die weiteren Eingriffe des Gesetzgebers, wie durch den Nachhaltigkeitsfaktor, haben jedoch die Wertbeständigkeit unserer betrieblichen Altersversorgung im letzten Jahrzehnt de facto bereits zu einem bloßen Ausgleich des Wertverzehrs der Gesamtversorgung schrumpfen lassen.

    Mit dem Systemwechsel in der Alterssicherungspolitik durch das Altersvermögens- und Altersvermögensergänzungsgesetz aus dem Jahr 2001 liegt der Anstieg der Sozialversicherungsrenten sogar dauerhaft unter dem Anstieg der Nettoarbeitsentgelte. Die ursprüngliche Zielsetzung der Anbindung an die Gehaltsentwicklung der Aktiven wird zunehmend verfehlt, der Mechanismus der Rentenanpassung bewirkt auch keine Sicherung des Lebensstandards im Rentenbezug mehr.

    Bezugsgrundlage unserer betrieblichen Altersversorgung ist jedoch unverändert die Gesamtversorgung, ansonsten hätte der Gesamtbetriebsrat nach den drei Nullrunden der Rentenversicherung unter Hinweis auf die Ausnahmeklausel eingreifen können und müssen.

    Die Rentenanpassungsformel nach dem Rentenreformgesetz 1992, mit der noch ein bestimmtes Rentenniveau erhalten bleiben sollte, ist inzwischen einem rechentechnischen Monster zur Beeinflussung des Beitragssatzes zur Rentenversicherung gewichen.

    Das rechentechnische Monster hat folgende Gestalt [Steffen2017]:

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    Näheres zur Entwicklung der gesetzlichen Rentenanpassung lässt sich ausführlich und umfassend im Portal Sozialpolitik nachlesen [Steffen2002], [Steffen2013], [Steffen2015].

    Eine Neuformulierung der Rentenanpassungsformel gehört nach Prof. Schmähl, ehemals Vorsitzender des Sozialbeirats der Bundesregierung, dringend auf die Tagesordnung [Schmähl2010].

    Sein Artikel über die Bedeutung der Dynamisierung von Alterseinkünften für die Lebenslage im Alter macht eingehend klar, dass nicht nur die Altersversorgung zu Rentenbeginn wichtig ist, sondern auch der adäquaten Anpassung während der Rentenbezugszeit eine erhöhte Aufmerksamkeit einzuräumen ist.

    Dies ist bei unserer betrieblichen Altersversorgung über die einheitliche Anpassung der Gesamtversorgungsbezüge gemäß der Rentensteigerung immer so gesehen worden, was der Rechtsnachfolger aber nicht mehr wahr haben möchte. Es ist zu beachten, dass die Rentensteigerung in der Sozialversicherung zeitverzögert neben der Entwicklung der Gehälter auch den Inflationsausgleich berücksichtigt.

    Eine unterschiedliche Entwicklung der einzelnen Versorgungsteile der Gesamtversorgungsbezüge war niemals angedacht, vielmehr ist eine einheitliche Entwicklung für alle Rentnerjahrgänge angestrebt worden, die zudem auch unabhängig vom jeweiligen Rentenbeginn bzw. dem Rentenbeginnjahr erfolgen sollte. Die vorgenommene Kürzung der Anpassungen für die Jahre 2015 und 2016 bewirkt, dass die Neu-Betriebsrentner bei einem künftigen Beibehalt der vertraglichen Anpassung gemäß der gesetzlichen Rentensteigerung besser als die betroffenen Betriebsrentner gestellt sind.


    Eine Besonderheit stellt die bereits ab Einführung der betrieblichen Altersversorgung im Jahre 1961 vorgesehene Anpassung im Rentenbeginnjahr dar. Sie ist dem Umstand geschuldet, dass die Pensionsergänzung bei einem Rentenbeginn im ersten Halbjahr eines Jahres sonst sinken würde, wenn die gesetzliche Rentensteigerung nicht auch zum 01.07. auf die Gesamtversorgung vorgenommen wird. Schließlich ist die Gesamtversorgung zum 01.07. eines jeden Jahres auch Bezugsgrundlage jeglicher Anpassung.
  • 5. Stimmige und unstimmige Eingriffe
    Eingriffe in eine betriebliche Altersversorgung sind unentbehrlich, zumal ungewollte Fehlentwicklungen zu korrigieren sind und Versteinerungen von Versorgungsbestimmungen vermieden werden sollen.

    Die Präambel zum Tarifvertrag vom 22.10.1992 über die Neufassung der Mitbestimmungsvereinbarungen beschreibt hierzu zutreffend [TV1992]:

    „In Fortsetzung der bewährten Praxis der zurückliegenden Jahrzehnte dient dieser Tarifvertrag der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen der Geschäftsleitung und den jeweils zuständigen Betriebsräten VDL und VDS. Es regelt eine über das Betriebsverfassungsgesetz hinausgehende betriebliche Mitbestimmung. Diese setzt eine umfassende Information und Beratung in allen betrieblichen Angelegenheiten, ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und den ernsthaften Willen zur Einigung bei allen Beteiligten voraus.“

    Die Nettolohnbegrenzung der betrieblichen Altersversorgung und dann der Abbau der Überversorgung durch die Reduzierung der anrechnungsfähigen pensionsfähigen Dienstjahre sind zweifellos stimmige Eingriffe gewesen.

    Dies lässt sich mit leichten Abstrichen auch für den Wegfall der Urlaubs-Sonderzahlung beim pensionsfähigen Arbeitsentgelt festhalten [TV1991]. Die Ersparnis war sicher erheblich und ist zur Kompensation bei den Strukturveränderungen in der 1990er Jahren benötigt worden.

    Die Aufhebungsverträge haben zunächst die Gesamtversorgung mit genauen Zahlenangaben beachtet. Betroffene Betriebsrentner müssen hierbei bedenken, dass der betragsmäßig garantierte Gesamtruhebezug fiktiv auch die Rentenabschläge der Sozialversicherung einschließt, aber von einer vorzeitigen Inanspruchnahme unberührt bleibt.

    Offenbar ist später über die Escape-Klausel (Befreiungsklausel für die Anpassungsprüfung von Versorgungskassenleistungen) eine Veränderung in den Aufhebungsverträgen vorgenommen worden, da die Escape-Klausel ab dem 01.01.1999 rückwirkend auch für den Bestand eingeführt worden ist, was damals durch die hohe Überschussbeteiligung gerechtfertigt war.
    Es sind dadurch selbständige Versorgungszusagen mit eigener Anpassungsregelung entstanden, eine Direktzusage auf Altersrente mit der bekannten vertraglichen und gesetzlichen Anpassung und eine Versorgungskassenrente durch versicherungsvertragliche Lösung mit alleiniger Anpassung durch Überschussbeteiligung. Dies wäre überhaupt kein größeres Problem, wenn nicht die steigende Lebenserwartung und das Niedrigzinsumfeld am Kapitalmarkt erhebliche Aufwendungen zur Stärkung der Rechnungsgrundlagen bei der Versorgungskasse erfordern würden, so dass allenfalls eine marginale Überschussbeteiligung möglich ist.

    In Aufhebungsverträgen herrscht im Übrigen eine bunte Vielfalt für die Anpassung über Direkt- oder Bezugnahmeregelungen. Dies ist aber nicht unterschiedlicher Handhabung nach altem und neuem Versorgungswerk oder nach Arbeitgeber geschuldet, auch wenn dies jetzt so ausgelegt werden sollte. Ob alles im Rahmen des Günstigkeitsprinzips im Verhältnis von Aufhebungsvertrag zur Betriebsvereinbarung der Versorgungsbestimmungen liegt, mag ebenfalls dahingestellt bleiben.

    Bei Einführung der Altersteilzeitverträge am 01.01.1996 hat man versäumt, die allgemeine Regelung für Teilzeitverträge anzupassen und den Beschäftigungsfaktor adäquat wie beim neuen Versorgungswerk nur auf die betriebliche Versorgung zu beziehen, also den Sockel von 40% für die Sozialversicherungsrente außen vor zu lassen. Unbefriedigend ist hier ein geringeres Versorgungsniveau zum Ende der Altersteilzeit gegenüber demjenigen zu Beginn der Altersteilzeit.

    Da für das neue Versorgungswerk VO85 vorgeblich die gesetzliche Anpassung wegen des Tarifvertrags entfallen soll und wohl auch dauerhaft eine Unterschreitung der langfristigen Rentensteigerung von etwas über 2% angestrebt wird, ergibt sich hier eine nicht unerhebliche Verminderung des Werts der betrieblichen Altersversorgung, was niemals irgendein Ziel der Reform unserer betrieblichen Altersversorgung gewesen ist. Ein automatisches Verdrängen grundsätzlich unabdingbarer Bestimmungen des Betriebsrentengesetzes wie die gesetzliche Anpassungsprüfung dürfte zudem ausgeschlossen sein.

    Systemgerecht ist dann wieder die Anrechnung der im Jahre 2014 eingeführten Mütterrente, wenn eine Gesamtversorgung gemäß den Versorgungsbestimmungen vorliegt.


  • 6. Anpassung nach Wind und Wellenschlag
    Die Anpassungsvielfalt durch verschiedene Eingriffe in die betriebliche Altersversorgung wird noch überlagert durch eine vierfache Änderung der gesetzlichen Anpassung mit einem jährlichen, einem 3-jährlichen Rhythmus und einer Rückrechnung ab Rentenbeginn sowie in den Klageerwiderungen auch mit abweichender Bezugsgrundlage. Die jährliche Anpassungsprüfung ist u.a. in einer VK-Information von 1990 und in der BVW Kurzfassung von 1996 aufgeführt [VK1990], [BVW1996].

    Neuere Aufhebungsverträge scheinen gar ohne vertragliche Anpassung geschlossen zu sein. Die im Rahmen der Vertragsfreiheit geschaffenen unterschiedlichsten Fallkonstellationen ermöglichen dem Rechtsnachfolger ein zunehmendes Abweichen von den Grundprinzipien unserer betrieblichen Altersversorgung.

    In jeder Hafenordnung findet sich folgende Richtlinie:

    Der Bootseigner bzw. Schiffsführer ist für ein sicheres Festmachen auch bei Wind und Wellenschlag selbst verantwortlich. Ein hochwassersicheres Festmachen ist unabdingbar.

    Änderungen der betrieblichen Altersversorgung ohne jegliche Berücksichtigung von Leitplanken lassen unseren wunderbaren Baukasten der Gesamtversorgung aber nur wunderlich erscheinen. Alle Betriebsrentner sind aufgerufen, sich solidarisch gegen Intransparenz und Vereinzelung zu wehren, um zur Aufrechterhaltung des zentralen Grundsatzes der Sicherung des Lebensstandards aus der erweiterten Mitbestimmung beizutragen.
  • Einzelnachweise
    [BR-Nachrichten1962] Unser neues Betriebliches Versorgungswerk, BR-Nachrichten Nr. 13. Januar 1962

    [BVW1991] Redaktionelle Überarbeitung des Betrieblichen Versorgungswerks 1961 im Jahre 1991 (im Handbuch Betriebliche Versorgungswerke Regelungen Stand 1992)

    [BVW1996] BVW Kurzfassung 1996 (1.5 Anpassung der Leistungen)

    [Jubiläum1962] Ein halbes Jahrhundert Volksfürsorge – Werden und Wirken eines Volksversicherungsunternehmens

    [Jubiläum1972] Lebenslinien in 6 Jahrzehnten

    [Jubiläum1987] 75 Jahre Volksfürsorge Versicherungsgruppe 1913-1988 (insbesondere Abschnitte 9.3 und 10.4)

    [Rundschreiben1978] Anhebung des Urlaubsgeldes im Rundschreiben vom 06.02.78

    [Schmähl2010] Winfried Schmähl: Die wachsende Bedeutung der Dynamisierung von Alterseinkünften für die Lebenslage im Alter, in Wirtschaftsdienst 2010, S. 248-254

    [Steffen2002] J. Steffen: Die Anpassung der Renten in den Jahren 1959-2002

    [Steffen2013] J. Steffen: Die Anpassung der Renten in den Jahren 2003-2013

    [Steffen2015] J. Steffen: Für eine Rente mit Niveau

    [Steffen2017] J. Steffen: Rentenanpassung 2017.

    [TV1978] Protokollnotiz Überversorgung zum Tarifvertrag vom 02.06.1978 über die vorgezogene Pensionierung von Arbeitnehmern der Volksfürsorge Deutsche Lebensversicherung AG (im Handbuch Betriebliche Versorgungswerke Regelungen Stand 1992)

    [TV1981] Tarifvertrag vom 01.06.81 über die Nettolohnbegrenzung der Gesamtversorgung (nicht im Handbuch Betriebliche Versorgungswerke Regelungen Stand 1992)

    [TV1991] Tarifvertrag vom 21.03.1991 (5.3 Wegfall der pensionsfähigen Urlaubs-Sonderzahlung) (im Handbuch Betriebliche Versorgungswerke Regelungen Stand 1992)

    [TV1992] Tarifvertrag vom 22.10.1992 über die Neufassung der Mitbestimmungsvereinbarungen (im Personalhandbuch tarifvertragliche und betriebliche Regelungen der VDL Stand 1993)

    [VDL1981] Der Betriebsrat informiert … Nr. 45/81 vom 28.08.81

    [VK1990] VK-Information 1990 zur Unverfallbarkeit (8. Anpassung)

    [TV1982] Tarifvertrag vom 17.05.82 zur Begrenzung der Überversorgung (im Handbuch Betriebliche Versorgungswerke Regelungen Stand 1992)

    [VDS1981] Betriebsrat aktuell Juni ‘81

    [VO1985] Tarifvertrag über die betriebliche Versorgungsordnung – 01.04.85 – (im Handbuch Betriebliche Versorgungswerke Regelungen Stand 1992)














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